traumasensibles Yoga

Ich selbst bin seit vielen Jahren damit ‚beschäftigt‘, meine eigene Traumatisierung zu heilen. Unter Heilung verstehe ich dabei nicht, dass sich all meine Schwierigkeiten in Luft auflösen und ich in der Folge nur noch quietschfidel durch’s Leben schreite. Die Spuren, die ein Trauma in Körper, Seele und Geist hinterlässt, lassen sich niemals voll und ganz beseitigen oder löschen.

Nichts desto trotz ist es aber möglich, diese Spuren zu erkennen, den Kontakt zu wagen und seinen Umgang mit ihnen zu finden. Gelingt diese sog. Integration, heißt das in der Folge, dass das eigene Lebens- und Identitätsgefühl immer weniger vom Trauma überschattet und bestimmt ist. Vom ‚Klammergriff‘ des Traumas befreit, kann es Schritt für Schritt gesunden. Das ganze Leben wird dadurch zunehmend heller, leichter. Und im wahrsten Sinne des Wortes selbstverständlicher und selbstbestimmter.

Yoga war und ist für mich unentbehrlicher Bestandteil auf diesem Weg zu mehr Lebendigkeit und Lebensfreude. Je tiefer ich mich mit mir und der Yogaphilosophie auseinandersetze, desto überzeugter bin ich davon, dass diese wunderbare Lehre vielleicht nie etwas anderes ‚im Sinn‘ hatte, als den Menschen ein ‚Werkzeug‘ an die Hand zu geben, das ihnen den Umgang mit den Folgen eines Traumas ermöglicht.

Wenn Du tatsächlich entschlossen bist, es mit Deiner Geschichte aufzunehmen, gibt Yoga Dir hierfür nämlich ein paar ganz wesentliche, sehr hilfreiche Dinge an die Hand:

  • Yoga verbindet Dich wieder mit Deinem Körper und damit mit dem Leben.
  • Yoga lehrt Dich, freundlich und zärtlich mit Dir umzugehen, für Dich zu sorgen.
  • Yoga lässt Dich achtsamer werden, so dass Du schädliche Denk-, Verhaltens- und Reaktionsmuster besser erkennen und verändern kannst.
  • Yoga schult den ‚inneren Beobachter‘ und kann dazu beitragen, die Identifikation mit negativen Emotionen zu lösen.
  • Yoga lehrt Dich, im ‚Jetzt‘ präsent sein und erleichtert so den Umgang mit ‚Trigger-Situationen‘.
  • Yoga ist hochwirksames Instrument in Sachen Selbstregulation. Es ist in diesem Sinne sog. funktionale Ressource.
  • Yoga schenkt Dir Halt und Kraft.
  • Yoga holt Dich aus der Einsamkeit, weil Du auf Gleichgesinnte triffst

Bevor es für Interessierte ins Detail geht, möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass traumasensibles Yoga keinesfalls eine Therapie ersetzt oder überflüssig macht. Es eignet sich aber hervorragend als Therapiebegleitung, so dass sich dieses Kursangebot an Frauen richtet, die bereits in Therapie sind oder waren.

 

Körperverbindung

Infolge eines Traumas wird die Verbindung zum eigenen Körper in gewisser Weise unterbrochen. Folge kann sein, dass Du primär ‚im Kopf‘ unterwegs bist und zwar irgendwie ‚funktionierst‘, Dich dabei aber nicht besonders lebendig oder verbunden fühlst. Das ist insofern nicht verwunderlich, als dass Dein Körper Dich mit dem Leben verbindet. Er ist das Vehikel, mit dem Du Dich durch dieses Leben bewegst. Über seine fünf Sinne erfährst Du die Welt. Er ist Heimat, weil er Dich, Deine Seele, Dein Wesen zuverlässig ummantelt und hält. Und er ist Resonanzraum: die ganze Bandbreite der Emotionen schwingt und klingt in Deinem Körper. Schließlich fühlst Du das Leben mit dem Körper und nicht mit dem Kopf. Dein Körper ‚spricht‘ auch mit Dir. Es gilt, seine natürlichen Botschaften, die nach Schlaf, Nahrung oder Kontakt verlangen, zu ‚hören‘, um gesund und bei Kräften zu bleiben.

Yoga lehrt Dich, mit Deinem Körper wieder auf Tuchfühlung zu gehen. In jedem für Dich stimmigen Tempo. Auf jede für Dich stimmige Art und Weise. Für mehr Verbundenheit und Lebendigkeit.

 

Selbstmitgefühl / Selbstakzeptanz

Als traumatisierte Frau gehst Du mit Dir selbst im Zweifel nicht besonders freundlich um. Vielleicht gibst Du Dir selbst die Schuld am Geschehenen. Vielleicht bist Du noch der Ansicht, genauso leistungsfähig und lebenstauglich wie ‚alle anderen‘ sein zu müssen. In jedem Fall werden Dir Selbstvorwürfe vertraut sein.

Yoga lehrt Dich, einen gütigen, sanften, liebevollen Umgang mit Dir zu etablieren. Du bist eingeladen, Gnade walten zu lassen. Auf der körperlichen Ebene kann das bedeuten, dass Du eine Übung so ausführst, dass es Deinem Körper wirklich gut dabei geht. Auf der geistigen Ebene kann das bedeuten, dass Du freundlich mit Dir und zu Dir sprichst.

 

Der innere Beobachter

Wenn Du anfängst, Deinen Körper mehr zu spüren, kann es sein, dass Emotionen, die Du verdrängt oder abgespalten hast, sich wieder zu Wort melden. Um von diesen Emotionen nicht überwältigt oder weggeschwemmt zu werden, musst Du lernen, sie quasi als energetisches Phänomen in Deinem Körper wahrzunehmen und zu beobachten. Du raubst ihnen durch die beobachtende Zuwendung die Macht und lernst, diese Gefühle zu halten.

Im Yoga heißt dieser innere Beobachter ‚Purusha‘. Es ist die Instanz in Dir, die niemals schläft und alles wahrnimmt, was sich in Dir vollzieht. Das Großartige an dieser Instanz: sie wertet nicht. Ob Du nun zu Tode betrübt oder himmelhoch jauchzend unterwegs bist: der ‚Purusha‘ sagt immer nur ‚Aha‘. Damit ist er der Meister der Nichtidentifikation. Die bewusste Bezugnahme auf diese Instanz ist ein Segen.

Es kann sich zeigen, dass Du keinesfalls die Trauer, der Schmerz, die Hilflosigkeit oder die Wut bist. Vielmehr hast Du all diese Gefühle – und das ja auch nicht ohne Grund. Und Du kannst wirklich lernen, diese Gefühle zu halten.

 

Achtsamkeit

Die Auswirkungen eines Traumas auf das eigene Lebens- und Identitätsgefühl sind immens. Über Jahre manifestieren sich bestimmte Glaubenssätze, die mit dem ‚Hier und Jetzt‘ meistens überhaupt nichts zu tun haben, denen Du aber dennoch in einer Art ‚blinden Gehorsam‘ folgst. Du hältst diesen Glaubenssätzen und damit Deiner Geschichte die Treue und raubst Dir damit eine Menge Kraft und Lebendigkeit. Diese Glaubenssätze und die daraus resultierenden Verhaltens- und Reaktionsmuster sind so vertraut, so eingeübt, dass sie Dir vielleicht gar nicht bewusst sind. Und wenn sie Dir dann bewusst werden, musst Du feststellen, dass Du ihnen trotzdem immer wieder ‚auf den Leim‘ gehst. Du brauchst an dieser Stelle eine wahrhaft detektivische Spürnase. Sowohl, um diese Glaubenssätze ‚aufzudecken‘ als auch, um sie zu verwandeln.

Im Yoga gibt es einen Namen für diese Spürnase: Achtsamkeit. Sie lehrt Dich, Dich selbst und das, was sich im gegenwärtigen Augenblick in Dir abspielt, so neugierig und detailliert wie möglich wahrzunehmen. Mit der Zeit versetzt sie Dich so in die Lage, schädliche Glaubenssätze, Verhaltens- und Reaktionsmustern zu erkennen und zu verändern.

 

Präsent in der Gegenwart

So ein Trauma ist vertrackt. Das traumatische Erlebnis selbst ist ja schon schrecklich genug. Und als ob man damit nicht schon genug ‚zu tun‘ hätte, bilden sich in der Folge auch noch Assoziationen um das Trauma herum, die Dich bis ins ‚Heute‘ krank machen. Dein Körper und Dein Geist ‚erzählen‘ Dir in gewisser Weise eine Geschichte, die mit der Gegenwart überhaupt nichts zu tun hat.

Ein Umstand, der letztlich Folge der natürlichen Überlebenssysteme des menschlichen Körpers ist. Dein Körper ‚tut‘ quasi alles dafür, eine Wiederholung des traumatischen Ereignisses zu verhindern. Er versteht nicht, dass die Gefahr längst vorbei und traumatische Ereignisse gottlob nicht an der Tagesordnung sind.

Da Dir diese Geschichte so vertraut ist, hörst Du ihr immer wieder zu und fängst an, ihren Botschaften zu glauben. Und das kostet Dich eine Menge Lebensfreude und Lebensenergie.

Neben der bereits benannten Achtsamkeit, ist die bewusste Bezugnahme auf die Gegenwart ein adäquates Gegenmittel. Yoga lehrt Dich, den gegenwärtigen Moment wahrzunehmen. Und zwar so unvoreingenommen und vom Trauma unbeeinflusst wie möglich. Und je besser es Dir gelingt, in der Gegenwart präsent zu bleiben, desto besser kannst Du in der Folge auch mit sog. ‚Triggern‘ umgehen. Ein traumatisiertes Nervensystem reagiert auf Reize aus der Gegenwart nämlich oftmals völlig ‚übertrieben‘, wenn dieser Reiz eine Erinnerung an das traumatische Erlebnis wachruft. Du kannst diese Reaktion ‚entschärfen‘, indem Du Dir mental klar machst, dass Dein Nervensystem nur ‚glaubt‘, dass Gefahr in Verzug ist, dass im Hier und Jetzt aber tatsächlich gar nichts los ist.

 

Selbstregulation

Unter Selbstregulation versteht man allgemein die Fähigkeit, sich mental und körperlich in einem angenehmen Zustand zu halten.

Auf der mentalen Ebene geht es darum, sich selbst gedanklich Gutes zu tun. Das gelingt am besten, wenn Du Dir selbst zugewandt, neugierig und mit positiver Grundstimmung ‚unterwegs‘ bist.

Auf der körperlichen Ebene bedeutet es, auf stressauslösende Reize so reagieren zu können, dass Dein autonomes Nervensystem (ANS) nicht ‚durchdreht‘. Wenn Du traumatisiert bist, ist Dein Nervenkostüm meistens nicht besonders stabil. Das liegt daran, dass Dein autonomes Nervensystem in gewisser Weise aus dem bei traumatischen Ereignissen aktivierten Angriffs- oder Fluchtmodus nicht mehr herausfindet. So kann es sein, dass Du Dich ziemlich schnell überfordert fühlst und dann so aufgeregt bist, dass Du auch einfache Dinge nicht mehr bewältigen kannst. Oder Du ‚stürzt‘ aus der Überforderung in die Müdigkeit oder Antriebslosigkeit, was Dich ebenfalls Deiner Handlungsfähigkeit beraubt.

Yoga bietet an dieser Stelle eine schier unermessliche Fülle an Regulationsinstrumenten, die dafür sorgen können, dass Du bei Stress weder im Überforderungsmodus noch im Kollaps landest.

Das wichtigste Instrument ist Dein Atem. Die Qualität Deines Atems steht nämlich in unmittelbarem Zusammenhang mit Deiner mentalen und nervlichen Verfassung. Wenn es Dir gut geht, fließt Dein Atem ruhig, tief und gleichmäßig. Und wenn es Dir nicht so gut geht, fühlt sich der Atem eher flach, stockend und unregelmäßig an. Du kannst das ‚Spiel‘ sozusagen umdrehen. Wenn Du zum Beispiel total gestresst und überfordert bist, bringen Dich ein paar wirklich leicht zu erlernende Atemtechniken wieder etwas mehr ins Gleichgewicht. Und wenn Du eher antrieblos und ‚depressiv‘ unterwegs bist, gibt es Atemübungen, die Dich wach kitzeln. Zusätzlich kann Dir in ‚Trigger-Situationen‘ die bewusste Bezugnahme auf Deinen Atem dabei helfen, Dein Nervenkostüm stabil zu halten.

Darüber hinaus ist jedes einzelne Asana (körperliche Haltung) im Yoga Selbstregulation pur. Jedes Asana hat eine unmittelbare Wirkung auf das autonome Nervensystem und bei entsprechender Erfahrung kannst Du diese bewusst nutzen, um mehr oder weniger Energie in Dein System zu bringen – je nach Bedarf.
Nicht zuletzt sind auch die in jeder Yogastunde angeleiteten Entspannungsübungen und Meditationen sehr wirkungsvolle Techniken zur Selbstregulation.

 

Halt & Kraft

Wenn Du dabei bist, Dein Trauma zu verarbeiten, wirst Du Momente kennen, in denen Dich schlicht und ergreifend der Mut verlässt. Es geht Dir vielleicht alles zu langsam, die Motivation ist im Eimer, Du bist müde und traurig und die ganze Sache einfach leid.
In solchen Momenten ist es extrem hilfreich, den Fokus bewusst auf etwas auszurichten, was Dir gut tut, was Dich stärkt.

Dir selbst etwas Gutes zu tun, ist für Dich vielleicht erstmal eine relativ abwegige Idee. Das kann daran liegen, dass Du Dir in gewisser Weise ‚abtrainiert‘ hast, überhaupt irgendetwas zu brauchen. Oder Du denkst von Dir selbst, dass Du so etwas wie Fürsorge nicht verdient hast. Wie auch immer: mit Yoga entscheidest Du Dich für Dich und für das Leben. Das kann der Beginn einer wundervollen Liebesbeziehung sein, der Beziehung zu Dir selbst.

Yoga kann für Dich also eine Ressource werden. Auch deswegen, weil Du mit Gleichgesinnten auf der Matte sitzt und Dich dadurch mehr und mehr mit anderen Menschen und dem Leben verbunden fühlst.

Meditation kann ebenfalls eine Ressource für Dich werden. Es gibt sehr kraftvolle Techniken, die Dich Deinen Körper und Deinen Atem spüren und Dich ‚wissen‘ lassen, dass Du im ‚großen Ganzen‘ gehalten und keinesfalls allein bist. Mit ein wenig Erfahrung und ‚Glück‘, bringt Dich die Meditation darüber hinaus mit dem Teil in Dir in Kontakt, der trotz allem unverletzt und heil ist.

 

Ein paar Worte zu mir

Es braucht Mut, Geduld und Entschlossenheit, um die Folgen eines Traumas zu verarbeiten. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Es gab in meiner Kindheit zweifelsohne Dinge, die gut gelaufen sind, für die ich dankbar bin. Dennoch sind es die Dinge, die definitiv schief gelaufen sind, die meinem Leben lange Zeit seine Prägung, seine Geschmacksrichtung verliehen haben: der früh erlebte Verlust meines Vaters als Bezugsperson, die erlittene sexualisierte Gewalt, die emotionale Vernachlässigung.

Ich bin schon eine ganze Weile ‚unterwegs‘ und darum bemüht, die teilweise verheerenden Auswirkungen meiner Geschichte auf mein Lebensgefühl, meine Lebens- und Beziehungstauglichkeit zu erkennen und zu heilen. Inzwischen sehe ich das Licht am Ende des Tunnels. Ich weiß heute, dass es Mittel und Wege gibt, den ‚Klammergriff‘ eines Traumas zu lockern und in mehr Weite, Fülle und Lebendigkeit zu finden. Es ist mein tiefer Herzenswunsch, dieses Wissen weiter zu geben und Mut zuzusprechen. In diesem Sinne freue ich mich auf Dich und darauf, Dich ein Stück des Weges zu begleiten.

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